Deutsche Männlichkeit, Antisemitismus und Queerness? ** Richard Wagner: The Drag Queen – Shlomi Moto Wagner

Blogheader ITV Shlomi Wagner (c) Bernhard Musil

Oper. Drag. Richard Wagner. Drei Begriffe, die vielleicht nicht offensichtlich zusammengehören. In “Richard Wagner: The Drag Queen” treffen sie bewusst aufeinander. Der Drag Performance-Artist* und Opern Sänger* Shlomi Moto Wagner stellt sich mit diesem Projekt nicht nur einer Figur der Musikgeschichte, sondern auch einem kulturellen Erbe, das bis heute schwer wiegt.

Ich heiße Wagner, ich bin Jude – und hier in Deutschland wird überall Richard Wagner gespielt. Wie kann ich mich damit beschäftigen? Ich wollte einen neuen Weg finden, mit dieser Mythologie umzugehen. Die Musik ist wunderschön. Ich brauchte nur den richtigen Zugangspunkt. – Shlomi Moto Wagner

Es braucht eine neue Mythologie und einen neuen Zugang zu Richard Wagner und seiner Klassik. (c) Bernhard Musil
Es braucht eine neue Mythologie und einen neuen Zugang zu Richard Wagner und seiner Klassik. (c) Bernhard Musil

Der Mythos der deutschen Männlichkeit

Der Ausgangspunkt ist persönlich und künstlerisch zugleich. Shlomi Moto Wagner arbeitet in der freien Szene in Berlin und entwickelt eigene Musiktheaterformen. Seine Performances bewegen sich zwischen Gesang, Performance und Komposition. Die Idee, ein Soloprojekt zu realisieren, trifft hier auf einen Namen voller Geschichte: Richard Wagner. Mythos, Monument, Projektionsfläche. Und gleichzeitig ein Mensch, dessen Biografie Risse zeigt, wenn man genau hinsieht.

Es gibt sehr viel Material über Richard Wagner, auch über sein privates Leben, seinen Fetisch und Crossdressing. Zum Beispiel gibt es Briefe zwischen Fräulein Berta und ihm. Da steht sehr direkt, was er bestellt hat: Unterhosen, Stoffe, Farben, Damenkleider und vieles mehr. – Shlomi Moto Wagner über die Queerness von Richard Wagner

Diese Risse führen in Archive und Briefe, zu Stoffen, Farben und Kleidern, die Richard Wagner bestellte, zu seinen Crossdressing-Tendenzen. Sie führen zu Magnus Hirschfeld und dessen Schriften über Travestie in der Weimarer Zeit. Und sie führen zu der irritierenden Erkenntnis, dass all dies bekannt, dokumentiert, zugänglich ist und dennoch kaum erzählt wird. Vielleicht, weil es nicht zum Bild passt. Vielleicht, weil es das Bild destabilisiert. Bayreuth steht in diesem Zusammenhang weniger für einen Ort als für eine Idee: für eine Erzählung von Männlichkeit, Nation und kultureller Überhöhung. 

Wie kann man eine akzeptanzvolle Atmosphäre schaffen, in der Crossdressing sichtbar wird, ohne den Antisemitismus auszublenden? Und wie kann ich mich als Drag-Performer*in, als Jude, damit beschäftigen und trotzdem etwas Neues erzählen? – Shlomi Moto Wagner

Viel Farbe, Stoff und Crossdressing-Tendenzen von Richard Wagner im Fokus. (c) Bernhard Musil
Viel Farbe, Stoff und Crossdressing-Tendenzen von Richard Wagner im Fokus. (c) Bernhard Musil

“Drag war immer schon Teil der Opernhäuser!”

Richard Wagner: “The Drag Queen” setzt dieser Erzählung keine Gegenerzählung entgegen, sondern eine Reibung. Eine, die nicht auflöst, sondern sichtbar macht. Denn wer sich mit Wagner beschäftigt, kommt am Antisemitismus nicht vorbei. Auch das ist Teil dieses Erbes und der Geschichte. Richard Wagner war damals schon ein bekannter Komponist, aber auch bekennender Antisemit. Adolf Hitler hat ihn für sich auf ein Podest gestellt, seine Musik für Propaganda verwendet und pflegte eine enge Freundschaft zur Familie Wagner. 

Für Shlomi Moto Wagner ist diese Auseinandersetzung untrennbar mit der eigenen Position verbunden. Als jüdischer Künstler* und als Drag-Performer*. Aber auch als jemand, der in Berlin lebt und aus Israel kommt. Für die Recherche hat Shlomi Moto Wagner Originalbriefe in Archiven und Museen gefunden und in der eigenen Familie recherchiert. Denn Drag und Rollenwechsel waren schon immer Teil jüdischer Kultur: 

Es gab jüdische Singspiele, jüdische Operetten. Und dieses Wechseln zwischen Rollen war selbstverständlich. Auch Franz Kafka schreibt darüber, dass er in Wien eine Darstellerin gesehen hat, die einen Mann gespielt hat. – Shlomi Moto Wagner

Das Stück vermeidet einfache Antworten. Es sucht stattdessen nach Formen, die Ambivalenz aushalten. Die Antwort liegt in der Fiktion als Strategie. Queere Geschichte ist eine Geschichte voller Lücken, Umwege und Andeutungen. Fiktion erlaubt es, diese Lücken zu markieren und ihnen Raum zu geben. Neue Mythologien zu entwerfen, bedeutet hier nicht, alte zu ersetzen, sondern ihre Konstruiertheit offenzulegen. Drag wird dabei nicht als Stilmittel verstanden, sondern als historische Praxis. Als etwas, das immer schon da war: in Opernhäusern, in jüdischen Kulturformen, im Spiel mit Stimme, Körper und Rolle. 

Wer sich mit Richard Wagner beschäftigt, kommt am Antisemitismus nicht vorbei. (c) Bernhard Musil
Wer sich mit Richard Wagner beschäftigt, kommt am Antisemitismus nicht vorbei. (c) Bernhard Musil

“Vielleicht ist unsere Welt gar nicht kaputt, auch wenn gerade alles schwer wirkt.” 

Die Oper selbst ist ein Ort der Verwandlung. “Richard Wagner: The Drag Queen” nimmt diese Logik ernst und führt sie weiter. Das Projekt ist Teil von Opera Realness: Einer künstlerischen Recherche zu verborgenen, queeren Geschichten der Operngeschichte. Gelöschte Szenen, Rollen, Strukturen, Komponist*Innen, Kultur. Formal ist das Stück ein Hybrid: Drag trifft auf Dokumentation, Projektion auf Gesang, Humor auf historische Schwere. Diese Gleichzeitigkeit ist kein Zufall. Sie erlaubt es, Widersprüche nebeneinander stehen zu lassen – und genau darin produktiv zu werden.

In vielen Kulturen waren queere Menschen als Schaman*innen, Storyteller* oder Künstler*innen akzeptiert. In europäischen, jüdischen und christlichen Traditionen wurde das oft verboten oder gelöscht. In der jüdischen Tradition wird übrigens von acht Geschlechtern gesprochen – Androgynität, Genderfluidität – das steht in den Texten, wird aber kaum erzählt. – Shlomi Moto Wagner

Am Ende bleibt ein Bild: die unfertige Welt. Kein abgeschlossenes System, kein fertiges Narrativ, sondern ein Entwurf. Einer, der immer wieder neu geschrieben werden kann. Vielleicht ist das auch die eigentliche Geste dieses Projekts. Keine Antworten zu liefern, sondern Räume zu öffnen, in denen Geschichte, Identität und Kunst neu gedacht werden dürfen.

Wenn das Opernhaus ein Zentrum der Stadt und Kultur ist, dann waren wir immer Teil davon. Mythologie ist nicht eine fixe, große Geschichte – sie muss immer neu erzählt werden. In ihr liegt auch das Unbewusste einer Gesellschaft. – Shlomi Moto Wagner

Richard Wagner – The Drag Queen! von Shlomi Moto Wagner and the House of Mazeltov(c) Alejandro Spano
Richard Wagner – The Drag Queen! von Shlomi Moto Wagner and the House of Mazeltov(c) Alejandro Spano

Schau hier her → Look here → Buraya bak → Pogledaj ovde → Nézd ide → Guarda qui → انظر هنا → Podívej se sem → Spójrz tutaj → Посмотри сюда → Виж тук → Nhìn đây →

knisternde Beiträge:

"Kultur ist nachhaltig" vegan" lit oida" glutenfrei" neurodivergent" neutral" kulturell" nonbinär" geil" Hafermilch?" chaotisch" richtig" bunt" verständnisvoll" multi" direkt" ...FÜR ALLE"