Eine Welt ohne Missverständnisse? ** Elias Hirschl im Interview

Header Interview Hirschl (c) Petra Weixelbraun

Für zahlreiche Literaturfans ist er einer der vielversprechendsten jungen Autoren Österreichs. Andere kennen ihn für die experimentelle Musik seiner Post-Punk-Band “Ein Gespenst”. In jedem Fall ist der Autor, Musiker und Slam-Poet Elias Hirschl aus der heimischen Kulturszene nicht mehr wegzudenken. Anlässlich der Veröffentlichung seines neuen Romans “Schleifen” hat er mit kultur*knistern über den Wandel von Sprache, Mathematik und Künstlicher Intelligenz gesprochen.

Eine Universalsprache für die Menschheit und Wissenschaft.

kultur*knistern: Worum geht es in “Schleifen”?

Elias Hirschl: In Schleifen geht es um die Wiener Sprachwissenschaftlerin und Autorin Franziska Denk, die zusammen mit ihrem Partner nach der perfekten Universalsprache sucht. Diese soll dann entweder alle Probleme der Menschheit lösen oder die Wissenschaft beenden.

kultur*knistern: Was sind Möbiusschleifen und woher kommt deine Faszination mit ihnen?

Elias Hirschl: Eine Möbiusschleife ist eine mathematische Form, die nur eine einzige Seite hat. Man kann sie herstellen, indem man einen Papierstreifen zusammenklebt, aber ein Ende um 180 Grad verdreht. Das Erstaunliche ist eben, dass, wenn man dann auf einer Seite entlang geht, theoretisch auf beide Seiten kommt, weil es eigentlich nur eine Seite ist. Es gab auch vor Ewigkeiten ein Tonaufnahmegerät, das Möbiusschleifen-förmige Bänder enthielt, weil man dann einfach alles Gesagte auf eine Seite kriegte, aber die doppelte Länge des Bandes zum Aufnehmen hatte, ohne das Band wechseln zu müssen.

kultur*knistern: Hat sich dieses Band nicht immer wieder selbst überschrieben?

Elias Hirschl: Ja, man musste die Aufnahme vorher stoppen. Ein Nachteil war auch, dass das Gerät viel schneller mechanisch abgenutzt wurde, weil sich das Band die ganze Zeit ein bisschen drehen musste beim Abspulen. Deswegen ist dieses System auch verschwunden und nie wiederbelebt worden.

kultur*knistern: Wie stehst du zu Jugendsprache, zu Denglisch und zu sprachlichem Wandel durch kulturelle Begegnung?

Elias Hirschl: Im Grunde finde ich Sprachwandel meistens super. In Wien gibt’s, glaub’ ich, viel sprachlichen Einfluss aus dem ehemaligen Jugoslawien, was viele spannende, neue Ausdrücke beisteuert. Sowas sehe ich immer als Bereicherung. Aber es gibt auch Leute, die sich darüber aufregen, dass das Englische in die deutsche Sprache rein-creept.

Der neue Roman von Elias Hirschl „Schleifen“ (Zsolnay, 416 Seiten)

kultur*knistern: Bezeichnenderweise ausgedrückt mit einem englischen Wort.

Elias Hirschl: (lacht) Stimmt. Es gibt auch den “Verein Deutsche Sprache”, der führt auf seiner Website einen Anglizismenindex. In diesem warnt der Verein quasi vor angeblich gefährlichen englischen Begriffen, die die deutsche Sprache kaputt machen, und bietet dann alternative deutsche Wörter, die man stattdessen verwenden soll. Und dieser Anglizismenindex ist so stark angewachsen, dass er inzwischen wie ein völlig normales Englisch-Deutsch-Wörterbuch funktioniert, weil auch Wörter wie Computer, die seit Jahrzehnten in der deutschen Sprache sind, darin angeführt werden. Ähnlich war das übrigens vor langer Zeit mit französischen Lehnwörtern.

Realität oder Fiktion?

kultur*knistern: Du recherchierst immer sehr umfangreich für deine Werke, so auch für dieses. Wie wichtig ist für dich, dass sich Fakt und Fiktion in “Schleifen” nicht mehr trennen lassen?

Elias Hirschl: Ich habe schon bei vielen Stellen einen Anspruch darauf, dass sie historisch akkurat sind. Das Gesamt-Setting muss glaubhaft und gut recherchiert sein. Und auf der Basis kann man sich dann gut fiktionale Dinge ausdenken oder Sachen einstreuen, die nicht stimmen. “Schleifen” ist eine Mischung aus erfundenen Quellen, realen Quellen, die zum Teil als erfundene ausgegeben werden, und echten Zitaten, bei denen man aber nicht glauben würde, dass sie tatsächlich aus der Zeit stammen.

kultur*knistern: Verlierst du beim Schreiben und Recherchieren selbst manchmal den Überblick, wo die Grenze zwischen Fakt und Fiktion verläuft?

Elias Hirschl: Wenn es Originalzitate sind, weiß ich es meistens noch, weil ich das dann auch gekennzeichnet habe. Aber manchmal vermischen sich Sachen. Ich habe ganz lange versucht, ein Zitat von Wittgenstein wiederzufinden und ich habe es nie geschafft. Und es kann sein, dass ich mir das entweder ausgedacht habe oder dass sich das jemand anderes ausgedacht hat. “Warum ist der Himmel blau? Weil ich Deutsch spreche.” Nie wieder gefunden. Ich habe keine Ahnung, ob er das jemals gesagt hat.

*** An dieser Stelle ein freundlicher Aufruf der Redaktion: Wer zufälligerweise dieses Zitat und seine Herkunft kennt, möge sich gerne bei uns melden. ***

kultur*knistern: Franziska Denk experimentiert in ihrer Palindrom-Reihe mit Sprache. Wie viel Franziska Denk steckt in dir?

Elias Hirschl: So viel, dass ich das Experimentieren genau für die im Buch enthaltene Länge gerne ausprobiere. Ich schreibe gerne Sprachexperiment-Texte, in denen man zum Beispiel nur einen Vokal (Anmerkung: Selbstlaut: A, E, I, O, U) verwenden darf oder der ganze Text ein Palindrom ergeben muss. Aber ich habe im Buch behauptet, dass es bei Franziska Denk eine ganze Roman-Reihe aus Palindromen geworden ist. In der Länge würde ich es nicht schaffen. 

Knister*Wissen: Ein Palindrom ist eine sinnvolle Folge von Buchstaben, Wörtern oder Versen, die vorwärts- wie rückwärtsgelesen [den gleichen] Sinn ergeben (z.B. Reliefpfeiler – Reliefpfeiler, Regal – Lager).

Eine Welt voller Missverständnisse.

kultur*knistern: Mit der künstlichen Plansprache, die Franziska Denk entwirft, will sie unter anderem Mehrdeutigkeit abschaffen. Kannst du dir eine Welt ohne Mehrdeutigkeit und Missverständnisse vorstellen? Wie sähe die aus?

Elias Hirschl: Grundsätzlich nein. Der Grund, warum immer wieder versucht wurde, solche künstlichen Sprachen zu erschaffen, war, dass man vermutete, wenn man eine Verkehrssprache hat, die die ganze Welt spricht, käme es nicht mehr zu Missverständnissen. Folglich würden alle Kriege und Konflikte aufhören. Irgendwie ein sehr schöner Gedanke, aber ich glaube, dass es nicht so einfach ist.

Außerdem: Um eine widerspruchsfreie Sprache zu haben, müsste man für alles immer genauere Definitionen angeben und dann kann man im Endeffekt nichts mehr aussagen. Im Buch ist dann die logische Konsequenz, dass man einfach den Gegenstand selber nehmen muss, und dieser ist dann das Zeichen für den Gegenstand. Denn es gibt nichts, das den Gegenstand akkurater ausdrückt, als der Gegenstand selbst.

Und der Witz ist, je umfangreicher und genauer Sprachen werden, desto weniger wahrscheinlich ist es, dass sie irgendwer lernt, weil es einfach sau-unpraktisch ist. Fünfzig Wörter für “gehen”, für “sein”, in all seinen Konnotationen. Wer kann das schon lernen?

kultur*knistern: Sprachwissenschaft, Mathematik und Philosophie fließen immer wieder in deine Werke ein. Zum Beispiel in “Meine Freunde haben Adolf Hitler getötet und alles, was sie mir mitgebracht haben, ist dieses lausige T-Shirt”. Woher kommt dein Interesse für diese Themen?

Elias Hirschl: Ich habe Philosophie studiert und da einen Fokus auf Sprachphilosophie und Logik gehabt.

kultur*knistern: Und du hast auch Mathe angefangen, richtig?

Elias Hirschl: Genau, nach einem Jahr abgebrochen, aber danach in der Philosophie auf Logik spezialisiert. Was mich an Logik interessiert hat, war ursprünglich dieser Versuch, eine Universalsprache zu erschaffen. Das gleichzeitig Deprimierende und Coole an der Logik ist, es gibt eigentlich keine gemeinsame Basis, es gibt nichts, was allem zugrunde liegen würde. Man kann sich selbst die Regeln aussuchen, mit denen man die Welt beschreiben will. Es gibt nicht “die letzte Wahrheit”, auf die man zusteuern könnte, sondern es geht immer weiter. Und andererseits ist das sehr schön, weil man nie damit fertig sein wird, die Welt zu beschreiben.

kultur*knistern: Wie eine Schleife?

Elias Hirschl: Wie eine Möbiusschleife, man kann sie immer weiter zerschneiden.

kultur*knistern: Apropos Mathe: Warum glaubst du, ist Mathe bei vielen Schüler*innen so ein unbeliebtes Schulfach?

Elias Hirschl: Ich glaube, Mathe wird falsch gelehrt an den Schulen. Das heißt aber nicht, dass ich weiß, wie es besser gelehrt werden könnte. Ich persönlich finde eigentlich gerade jene mathematischen Themen spannend, die überhaupt keine reale Anwendung haben. Und ich glaube, das ist gleichzeitig am schwersten zu unterrichten, weil man eben überhaupt keine Anschauungen dafür hat. Es gibt, glaube ich, Versuche, Sachen nicht als starre Regeln beizubringen, sondern als Experiment. Also: “Na gut, dann versuchen wir halt einmal, durch null zu teilen.” Oder: “Versuchen wir, viermal unendlich zu rechnen!” Du wirst feststellen, dass manches unpraktisch oder unmöglich ist. Wenn man Mathe vielleicht eher als Spielfeld begreift, dann ist es vielleicht ein bisschen interessanter.

Elias Hirschl rückt Sprache ins Zentrum seines neuen Romans (c) Petra Weixelbraun

Am Rande des Wahnsinns – und noch viel weiter.

kultur*knistern: Deine Figuren, die sich mit Naturwissenschaften und Sprachwissenschaft beschäftigen, bewegen sich oft am Rande des Wahnsinns. Hast du beim Schreiben deiner Bücher manchmal den Moment, in dem du dir denkst: “Ja, jetzt drehe ich durch…”?

Elias Hirschl: Ich glaube bei diesem Buch schon, ja, weil es aus unterschiedlichen Geschichten zusammengewachsen ist. Die Stringenz im Buch zu erhalten, war der schwierigste Part. Zwischenzeitlich habe ich das ganze Romanprojekt mal völlig verworfen und überlegt, ob ich es aufsplitte und nur einzelne Geschichten veröffentliche. Ich habe meine Lektorin vom Verlag Zsolnay gefragt: “Ist es zu deppert?”

Um nicht durchzudrehen, brauche ich dringend Menschen, mit denen ich nach dem Schreiben alles durchsprechen kann. Im Buch werden Leute beschrieben, die sich 10, 15 Jahre zurückziehen und isoliert arbeiten. Und dazu neigt man, weil es auch oft schwierig ist, den Leuten das ganze Projekt zu erklären. Aber das sind die wichtigsten Momente für das Buch: die, in denen man mit anderen darüber spricht.

kultur*knistern: Du bist auch Musiker und hast eine Band namens “Ein Gespenst”. Auch Musik ist in gewisser Weise eine Sprache. Welche Dinge drückst du lieber musikalisch als literarisch aus?

Elias Hirschl: Bei dem Buchprojekt gibt es sogar eine konkrete Überschneidung. Es gibt auf dem ersten Album zwei Songs, die eigentlich beide teilweise Versatzstücke aus dem Roman waren. In einem kommt übrigens das erwähnte Wittgenstein-Zitat vor, das ich nie wieder gefunden habe, das er vielleicht nie gesagt hat. Musik ist für mich die Alternative zu Schreibtischarbeit – mache ich auch gerne privat, einfach so und zwischendurch. 

kultur*knistern: Dein Buch spielt im 20. Jahrhundert. Wo siehst du die Parallelen zwischen dem damaligen Forschungsstand und der heutigen Entwicklung rund um KI?

Elias Hirschl: Im Schreiben habe ich versucht, das Romanprojekt von aktuellen Entwicklungen abzukapseln, aber natürlich kann man Parallelen ziehen. In Richtung Fake News beispielsweise. Im Buch sind diese Probleme aber eher menschlicher Natur, zum Beispiel indem Franziska Denk selber sehr viel fälscht. 

Die Künstliche Intelligenz und ein Buch ohne.

kultur*knistern: Du hast schon sehr viel mit KI experimentiert. Gleichzeitig hast du zum Beispiel für Content selber KI-Passagen formuliert, weil dir die KI nicht genug nach KI klang. Wie viel KI steckt in diesem Bruch?

Elias Hirschl: Gar keine. Das Eheste ist vielleicht ein Satz im Buch, der versucht, seine eigenen Bestandteile aufzuzählen. Basierend auf diesem hat mir der befreundete Autor Fabian Navarro dann mal tatsächlich einen Satz für eine Live-Show programmiert für eine Live-Show.

Eine Moebius Schleife, eine Universalsprache und eine Mischung aus Realität und Fiktion: Das ist „Schleifen“ von Elias Hirschl (c) Petra Weixelbraun

kultur*knistern: Wie stehst du als Autor generell zu KI? Hast du das Gefühl, sie inspiriert oder bedroht dich?

Elias Hirschl: Ich habe nicht das Gefühl, dass sie meinen konkreten Job bedroht. Vielleicht betrachte ich das zu romantisiert, aber als Romanautor steht man als Mensch ziemlich im Vordergrund, unter anderem durch Lesungen, und ist mit den Lesenden stark verbunden. Ich halte die aktuelle Entwicklung zu KI nicht für gut. Alle KI-Programme basieren darauf, dass sie unerlaubt alle möglichen Bücher aus dem Internet kopieren und daraus allerlei zusammenwürfeln.

kultur*knistern: Was würdest du jungen Schreibenden oder Brancheneinsteiger*innen raten?

Elias Hirschl: Was mir geholfen hat, waren niederschwellige Bühnenformate, bei denen man lesen kann. Da gibt es verschiedene Orte in Wien, bei denen man zwar teils sehr lange auf einen Leseplatz warten muss, aber dafür bekommt jede*r einen. Das Café Anno zum Beispiel.

Außerdem gibt es coole Literaturzeitungen, das DUM, das & Radieschen. Sie sind ein relativ leichter Einstieg, um Texte zu veröffentlichen. Angebote für Workshops gibt es auch genug. Ach ja, und: Man muss nicht sofort den einen großen Roman schreiben. Man kann auch einfach mal Sachen zur Übung schreiben, die nicht veröffentlicht werden, und dann probiert man’s noch einmal. 

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