Hexenverbrennung auf Denglisch ** Wenches – OFF Theater

Blogheader Wenches (c) Hysterie Theater

Es ist eines jener Theaterstücke, bei denen man selbst dann noch leise lacht, wenn das restliche Publikum schon wieder verstummt ist. Außerdem war es mein wohl unterhaltsamster Theaterabend 2026. Und wahrscheinlich auch 2025.

Das Stück “Wenches” vom Berliner Kollektiv Hysterie Theater handelt von Hexenverbrennung. Gut, das ist eigentlich überhaupt nicht lustig. Was die Darstellerinnen Maya Le Roux, Bianca Waechter, Derya Celikkol, Maureen Gleason und Regisseurin Fiona Wiedmann daraus gemacht haben, aber umso mehr. 

Mit herrlichstem Denglisch, grunzendem Lachen, wilden Gestikulationen, intensiven Blicken, theatralischen Gefühlsausbrüchen und vielen weiteren kreativen Einfällen brachten sie bei der Österreich-Premiere das ganze OFF Theater zum Beben.

Ihre Message ist trotz aller Komik ernst: Wie kann es sein, dass eine ganze Gesellschaft dabei zusieht, wie Unschuldige ermordet werden? Warum steht keiner auf und unternimmt etwas dagegen?

Geisterbeschwörung und Hexenjäger

Auch die zwei Mägde sowie Totengräberinnen Nortburga (Maya Le Roux) und Bertegilde (Bianca Waechter) ringen im mittelalterlichen Berlin des Jahres 1489 damit, ob sie es sich weiterhin einfach “bequem” machen und ohne Gezeter die steigende Anzahl verbrannter Leichen vergraben sollen. Oder ob sie hinterfragen sollen, was hier geschieht. Denn selbst ihre beste Freundin Winifred hat es mittlerweile erwischt. Sie soll das Wetter manipuliert haben und daran schuld sein, dass es schneit. Im Winter.

Aber hat Winifred ihre Ermordung nicht vielleicht auch ein wenig verdient? Wenn nicht sie, dann aber auf jeden Fall der Bäcker im Dorf. Bei den kleinen Weckerl, die der immer gebacken hat. Und wird es Nortburga und Bertegilde nicht ebenfalls erwischen? Sie waren ja immerhin mit der Verurteilten befreundet.

Die Mägde spielen mit ihren Argumenten Ping Pong, bis die Trauer und das schlechte Gewissen sie zum Handeln zwingen. Sie haben die zündende Idee, um den Bürger*innen die Augen (und Ohren) zu öffnen. Und dann gibt es da ja noch den angeberischen Hexenjäger “Herr Witch Hunter” (Maureen Gleason), der bezirzt werden muss.

Wenches (c) Antonia Reinisch

Energie wie zwei Fußballstadien

Den Darstellerinnen macht das Spielen genauso viel Spaß wie mir das Zuschauen, das merkt man in jeder Sekunde des Stücks. Mit einer Energie wie zwei ausverkaufte Fußballstadien dominieren Bianca Waechter und Maya Le Roux die Bühne. Als sich Le Roux aus Trauer minutenlang auf dem Boden wälzt, das Gesicht dabei in alle Himmelsrichtungen verzerrt und sich fast die Stimmbänder verrenkt, konnte ich mich nicht entscheiden: Soll ich herzhaft lachen oder sie für ihre Ausdauer bewundern? Ich habe beides getan. 

An Abwechslung mangelt es dem Stück nicht. Geisterbeschwörung inklusive. Dafür brauchen Nortburga und Bertegilde aber Bogdana (Derya Celikkol), die berüchtigte Hexe, die im Wald lebt. Die ist in Wirklichkeit nicht so böse und fürchterlich wie gedacht, sondern zahm wie ein Küken – und zu 100 Prozent gelangweilt von ihrem Leben. Seufzend windet sie sich auf einigen Sesseln auf der Bühne, bereit, ins Jenseits zu schreiten. Da kommt die gewünschte Séance gerade recht. Wenig später ergreift Winifred von Bogdana Besitz und schließt ihre ehemaligen Besties, nach kurzem Schmollen, wieder in die Arme. Celikkol überzeugt an diesem Abend gleich in zwei Rollen: Applaus!

Auch hilarious ist die Szene, in der die Mägde gemeinsam mit Bogdana üben, den selbstverliebten Hexenjäger zu verführen, der ab und zu trällernd über die Bühne hüpft und “spannende” Geschichten über sich selbst erzählt. Er soll in einem schwachen Moment unschädlich gemacht werden. Ihre Tricks testen sie gleich an den Männern im Publikum und kommen ihnen mit starrem Blick und herumflatternder Zunge immer näher. Sehr angsteinflößend.

Von Edinburgh nach Wien

Ursprünglich feierte “Wenches” (Englisch für “Huren” oder “Mädchen”) unter der Regie von Antonia Reinisch seine Premiere auf dem schottischen Edinburgh Fringe Festival 2025. Der Text stammt von der österreichischen Autorin und Schauspielerin Bianca Waechter sowie Maya Le Roux, die beide das Hysterie Theater mitgründeten. Für Wien wurde eine neue Version geschrieben. Eine, die an den Geschmack des Wiener Publikums angepasst ist und mit Ausrufen wie “Määäääädels” oder saftigem Denglisch nicht geizt. 

Ergänzt wird die Vorführung durch Videomaterial. Zum Beispiel werden Gemälde an die Wand projiziert, die verschiedene Dorfbewohner*innen darstellen. Ein Voice-Over haucht den gemalten Figuren sowie dem Bühnenbild Leben ein. Die ebenerdige Bühne im OFF Theater ist nämlich weitestgehend leer, bis auf einen rechteckigen Erdhaufen, der als Leichengrube herhalten muss.

Mittelalter, aber auch Gegenwart

Die 80-minütige Aufführung geht viel zu schnell vorbei. So gerne hätte ich den Vieren noch länger zugeschaut. Die Message hallt trotz des kurzen Stücks noch lange nach und ist glasklar auf die Gegenwart übertragbar: Passiv zu sein, wenn Unrecht geschieht, ist keine Option. Insbesondere in Zeiten, in denen wieder die Sündenbock-Mentalität zunimmt und Menschen die Schuld für Dinge zugeschoben wird, für die sie keine Verantwortung tragen.

Wer die Gelegenheit hat, eine Vorführung von “Wenches” zu sehen, sollte sie unbedingt nutzen! 

Das Hysterie Theater plant, das Stück auch in anderen Städten und Ländern aufzuführen. Mehr Infos gibt es hier.

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